Das Risiko und sein Preis – Skin In The Game

Im Studium habe ich für Philosophiezeitschriften Berichte von Kongressen und Tagungen geschrieben. Abends beim Bier riet mir ein Professor: Wenn sie jemals einen eigenen Gedanken haben sollten, schreiben sie ein Buch drumherum. Das erklärt mir seitdem den „mangelnden Nährwert“ vieler Bücher.

Dieses Problem ist Nassim Nicholas Taleb fremd, das Buch ist beim zweiten Lesen noch genauso spannend wie beim ersten Mal. Das hängt mit der hohen Erkenntnisdichte zusammen und mit Talebs Stil, den Leser auf ein denkerisches Abenteuer mitzunehmen und dabei weder auf Autoritäten noch auf eine akademische Karriere Rücksicht nehmen zu müssen.

Skin in the game handelt von Komplexität und Asymmetrien. Unser Kontakt mit der Realität wird hergestellt, in dem wir unsere Haut aufs Spiel setzen, gewissermaßen einen Preis für die Folgen unseres Handelns zahlen. Taleb entwickelt seine Gedanken aus dem normalen Leben eines Menschen, der selbständig für seinen Lebensunterhalt aufkommt und Verantwortung für sein Handeln trägt. Wirtschaftsprofessoren, Investmentbanker und Politiker gehören nicht dazu, entscheiden aber über das Leben der anderen – und häufig falsch. Deshalb sollten Menschen, die kein persönliches Risiko eingehen, nie mit Entscheidungen betraut werden.

Vier Themen sind es, die Taleb unter dem Oberthema „Seine Haut aufs Spiel setzen“ behandelt: Ungewissheit und Zuverlässigkeit von Wissen (Bullshit-Entlarvung), Symmetrie in zwischenmenschlichen Beziehungen, also Fairness, Gerechtigkeit, Verantwortung, drittens Informationsaustausch bei Transaktionen sowie Rationalität in komplexen Systemen und in der Realität. Das Buch ist sauber gegliedert, es liest sich mit seiner Mischung aus Anekdoten, Exkursen in Politik, Religion, Philosophie, Sprachwissenschaften, Finanzwesen und einigem anderen unterhaltsam und dennoch ist es alles andere als leichte Kost. Es ist Querfeldein-Denken, in dem u.a. Themen behandelt werden wie: Wie kommt es, dass intolerante Minderheiten die Welt regieren und uns ihre Ansichten aufzwingen? Wie zerstört Universalismus die Völker, denen er eigentlich helfen will? Warum sollten Chirurgen nicht wie Chirurgen aussehen? Wie sollte Außenpolitik betrieben werden? Warum breiten sich Gene und Sprachen unterschiedlich aus? Inwiefern geht es bei Rationalität um Überleben und nur darum?

Taleb hat ganz sicher mehr als nur einen eigenen Gedanken gehabt.

Autor: querfeldein

"Ich glaube nicht, daß ein vernünftiger Mann in Deutschland ist, der sich um das Urteil einer Zeitung bekümmert, ich meine der ein Buch verdammt, weil es die Zeitung verdammt, oder schätzt, weil es die Zeitung anpreist, denn es streitet schlechterdings mit dem Begriff eines vernünftigen Mannes." Georg Christoph Lichtenberg

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