Markus Krall: Verzockte Freiheit

Wie die Hybris unserer Eliten die Zukunft unseres Kontinents verspielt

Wer nicht nur Staatsmedien konsumiert, sondern seine Informationen selbst sucht, der hat den Namen Markus Krall wahrscheinlich schon einmal gehört. Zunächst nur als interner Kenner der Finanzbranche, in der letzten Zeit aber auch als starke Stimme für Marktwirtschaft und Freiheit hat sich Krall einen Namen gemacht.

In „Verzockte Freiheit“, das in der Erstauflage schon 2014 erschienen ist, analysiert er die Finanz-, Banken- und Eurokrise von 2008. Als langjähriger Berater der Finanzindustrie im Bereich Risikomanagement, weiß er, wovon er spricht und kann die Handlungsmotive von Politik, Banken, Ratingagenturen und Derivatehändlern nachvollziehbar erklären. Er klopft die Interessen und Ziele – vom Erhalt des eigenen Ansehens, über Profilierung bis hin zu Gewinnmaximierung und manchmal auch blanker Gier – aller Marktteilnehmer ab. Das ist ein Lehrstück, wie menschliche Schwächen und systemische Abhängigkeiten zu Dysbalance und irgendwann zur Katastrophe führen. Wer sich für Risikomanagement, Ökonomie allgemein und/ oder Soziologie interessiert, der wird mit Sicherheit mehr als ein Aha-Erlebnis haben. Ist das freie Spiel der Marktkräfte die Lösung oder das Eingreifen des Staates und der Politik? Auch diese Frage wird am konkreten Beispiel analysiert und der Untertitel des Buches gibt schon einen Vorgeschmack auf seine Ergebnisse.

Kralls Lösungsansätze für die im Grunde ja immer noch nicht beigelegte Finanzkrise in Europa hat mich etwas ratlos zurückgelassen. Über die unterschiedlichen währungspolitischen Ausrichtungen der Nordländer und des Club Mediterrane ist viel diskutiert worden. Es sind zwei grundlegend verschiedene Konzeptionen, die in einem Währungsraum nicht kompatibel sind. Wie er sie aber dennoch unter einen Hut bringen will, hat sich mir nicht wirklich erschlossen.

Angenommen, Ehepartner leihen sich untereinander Geld. Unproblematisch ist das genau solange, bis es zu einer Scheidung kommt. Die Target 2 Salden könnten im Fall eines Auseinanderbrechens des Euros zu genau dieser Situation führen, dass Deutschland auf den gesammelten Schulden sitzen bleibt, die es im schlechtesten Fall in den Abgrund reißen. Das bietet eine Menge Verhandlungs-(Droh- und Erpressungs-) Potenzial für alle Länder, die das wissen, und ein Geheimnis ist es wirklich nicht. Deutschland hat ökonomisch voll auf die EU gewettet und niemanden müssen die Durchhalteparolen der Kanzlerin wundern – sie hat gar keine andere Wahl.

Es ist derzeit einfach noch preiswerter, die EU zu retten als sie untergehen zu lassen, das macht Markus Krall klar. Seine Argumente für die EU erinnern vielleicht auch deshalb mehr an eine PR-Aktion aus Brüssel als an tiefe innere Überzeugung.

Gewünscht hätte ich mir sechs Jahre nach der Erstauflage wenigstens ein Nachwort, in dem Markus Krall seine heutige Sicht auf die seitdem nicht wirklich verbesserte Lage an den Finanzmärkten hätte darlegen können. Das werden sie aber selbst im Weltnetz und auf youtube finden.

Autor: querfeldein

"Ich glaube nicht, daß ein vernünftiger Mann in Deutschland ist, der sich um das Urteil einer Zeitung bekümmert, ich meine der ein Buch verdammt, weil es die Zeitung verdammt, oder schätzt, weil es die Zeitung anpreist, denn es streitet schlechterdings mit dem Begriff eines vernünftigen Mannes." Georg Christoph Lichtenberg

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