Vorurteile

Sicher werden Sie das Plonk auch gehört haben, als letztens wieder mal ein Vorurteil vom Himmel gefallen ist.

Vorurteile entstehen nicht einfach so, Vorurteile basieren auf Erfahrungen. Jeder selbst denkende Mensch weiß auch, dass Ausnahmen die Regel bestätigen.

Werden in einer Gruppe über eine gewisse Zeit immer die gleichen Erfahrungen mit einem bestimmten Problem gemacht, formt sich daraus ein Urteil. Irgendwann verzichtet man darauf, erneut zu prüfen, ob sich etwas geändert hat, um beim nächsten Mal nicht wieder den gleichen Fehler zu machen. Man kann das auch eine soziale Lernerfahrung nennen.

Das funktioniert bei Menschen, die nicht mit Theorien vollgestopft sind, wie die Welt und die Menschen sein sollten, besser. Sie müssen konkrete Probleme in ihrem Alltag lösen und haben eine Menge Erfahrung, die andere sicher Vorurteile nennen. Frage die Menschen, die die Arbeit tatsächlich erledigen!

Manchmal wird dann ein Vorurteil, wenn es von vorurteilsfreien Wissenschaftlern analysiert wird, auch bestätigt. Aber diese Spezies ist rar geworden und sollte vielleicht wirklich unter Artenschutz gestellt werden.

Ein paar Beispiele aus den letzten Wochen:

  • In den Wintermonaten geschlagenes Holz ist besser, für Möbel sollte das Holz am besten um Vollmond herum geschlagen werden. Scheint sich bewährt zu haben, denn alle, die mit Holz zu tun haben, erzählen mir das.
  • Wer billig kauft, kauft zweimal. Ob das nun ein Produkt oder eine Dienstleistung betrifft, fast immer ist dieses Vorurteil gerechtfertigt. Mir ist gerade letztens eine elektrische Zahnbürste aus dem Supermarkt nach nur vier Monaten einfach abgebrochen. War billig, war Müll.
  • Hatte vorhin einen kleinen Schwatz mit der Fischerin, die mir erzählte, wie hart die Arbeit im nasskalten November ist und wie sehr ihre Fingernägel darunter leiden – Scherz, es war natürlich eine Gruppe Forstarbeiterinnen, die mir ihre neuen, pinken Motorsägen vorführen wollten. Quatsch, habe mit dem Kindergärtner und dem Grundschullehrer gesprochen, wie man kleine Mädchen für Informatik interessieren kann. Unfug.
  • Oder fragen Sie jemanden, der länger als vier Wochen beruflich in Afrika war, nach seinen Erfahrungen.

Wenn Sie im Ausland sind, erkundigen Sie sich doch einfach einmal bei dort schon länger Lebenden, was man in ihrem Land von den Deutschen denkt und wie man sie sieht…. Und, ist da etwas dran?

Es gibt Vorurteile, die man sich z.T. jahrhundertelang erarbeitet.

Berlin ist halt doch ein bisschen wie Afrika

Die deutsche Hauptstadt kann einem schon einmal vorkommen wie ein Entwicklungsland. Für Neuzugezogene wirkt das wie ein Kulturschock. Für einen Journalisten ist die Stadt aber ein Paradies: Missstände, wohin das Auge reicht. Über das Ankommen im Berliner Sumpf und ein Leben in der Stadt der Toleranz. Aus der NZZ

Zwei Geschichten fallen mir dazu ein:

  1. Vor einigen Jahren hatte ein Bekannter aus Berlin, der in Mitte, an der Grenze zum Wedding wohnt, ein Aha-Erlebnis. Sein Sohn sollte eingeschult werden und er besucht das erste Mal die Schule im Wedding. Der Berliner Senat hatte ja die Bomben-Idee, Stadtbezirke über den ehemaligen Mauerstreifen hinweg zusammenzuführen. Integration, Einheit, Inklusion und das ganze Politgeschwafel…. Fassungslos musste er feststellen, dass fast alle Aushänge in den Schulfluren in Türkisch waren. Und nun? Die Berliner Lösung ging dann so: seine Frau und er trennten sich offiziell, sie bezog eine Wohnung im Lichtenberg, wo das Kind auch eingeschult wurde…
  2. Party  bei einem Freund. Vor der Tür stehen ein paar Leute und rauchen eine lange Zigarette, die auch etwas Tabak enthält. Das Küchenfenster steht offen und etwas Rauch zieht hinein. Aufschrei! Ein Pseudo-junges Pärchen um die 35+ ist außer sich, weil sie und vor allem die Kinder im toxischen Qualm verenden. Zur Orientierung: es ist etwa 23 Uhr und die Kinder sind etwa ein und drei Jahre alt. Ein kurzer Blick in die Küche reicht – Berliner. Nirgendwo sonst auf der Welt laufen Menschen in Klamotten durch die Gegend, die wie aus der Kleidertonne aussehen, aber aus einem hippen und teuren Designerladen sind.
    Keine fünf Minuten später gesellt sich der Papa zu den Tütenrauchern. Meinen fragenden Blick beantwortet er keck mit: „Gelebte Doppelmoral!“

 

Das Leben auf Kosten der anderen

Wir sitzen mit unserem Nachbarn – ich nenne ihn mal Lutz – am See und reden über Gott und die Welt. Lutz ist etwas über fünfzig, alleinstehend und seit Ewigkeiten arbeitslos und auf Hartz IV. „Ich bin Kapitalist“, platzt er in die Runde und ist sich plötzlich der Aufmerksamkeit aller Anwesenden sicher. Über allen Köpfen schweben fast schon sichtbare Fragezeichen. „Das musst du etwas genauer erklären“, meine ich nur verdutzt.

„Na ist doch ganz einfach: Im Parteilehrjahr habe ich gelernt, dass ein Kapitalist von der Arbeit anderer lebt. Ich bekomme ohne zu arbeiten seit Jahren Hartz IV und dafür müsst ihr arbeiten.“

Er erntet ein kurzes, herzhaftes Lachen, danach sind alle etwas nachdenklich….

Nicolás Gómez Dávila

Vor vielen Jahren schloss ich meinen Bericht zum Kongress aus Anlass des 150. Geburtstag Nietzsches lakonisch mit den Worten: „Was meinen Sie: Wäre Friedrich Nietzsche auf dieser Tagung gewesen?“

Das sprachlich geschliffene Philosophieren auf der Höhe der Zeit und aus eigener Denkkraft schöpfend, ist selten geworden. Jetzt ist mir seit Langem wieder einmal so ein Brillant vor die Füße gepurzelt.

Die Verwesung der modernen Welt nicht zu spüren, ist ein Indiz der Ansteckung.

Die Hierarchien sind himmlisch.
In der Hölle sind alle gleich.

Künstlich die Triebe zu wecken, um sich an ihrer Befriedigung zu bereichern, ist das unverzeihliche Verbrechen des Kapitalismus.

Mehr zum Kosten gibt es hier oder im Buchhandel.

Schutzzone vs. Wettbewerb

Seit längerem beobachte ich zwei gegenläufige Tendenzen.

Anfangs fiel mir nur auf, dass nicht mehr von Arbeit sondern von Beschäftigung geredet wurde. Nun klingt Arbeit auch hart – man denkt an schaffen, Produkte herstellen, die jemand kaufen will, Dienstleistungen erbringen, die jemand haben und bezahlen will. Beschäftigen kann ich mich selbst problemlos, aber das bezahlt mir niemand. Kinder muss man manchmal beschäftigen, damit sie sich nicht langweilen und anfangen zu quengeln. Aber heutzutage sind Erwachsene beschäftigt… Wo eigentlich – in Arbeitssimulationen? Ist das jetzt eine Art Psychotherapie für die Abgehängten der Gesellschaft, die für den harten, kapitalistischen Wettbewerb nicht mehr taugen? Und wer bezahlt die Beschäftigten eigentlich? Fragen über Fragen…

Parallel habe ich seit vielen Jahren sowohl im Freundes- und Bekanntenkreis als auch beruflich mit jungen Menschen zu tun, die in einem erschreckend hohen Maß in den den öffentlichen Dienst wollen oder ,besser noch, in ein Großunternehmen. Für letzteres sind allerdings belastbare Qualifikationen erforderlich, „sich für Kunst interessieren“, „sozial engagiert sein“ und „gerne Urlaub machen“ sind knapp gesagt nicht ausreichend. Sich in einem mittelständischen Unternehmen aktiv einbringen, verändern, schaffen – das ist eher seltener. Das ist aber auch kein Wunder, denn das Leistungsprinzip ist in der Schule und auch an einigen Universitäten durch Abwählen anstrengender, lernintensiver und intellektuell herausfordernder Fächer und durch eine, sagen wir mal vorsichtig, „wohlwollende Benotung“ so ausgewaschen worden, dass wir heute von einem Abiturienten ein halbwegs fehlerfreies Deutsch und die halbwegs sichere Beherrschung der Prozentrechnung erwarten können, zumindest meist. Das setzt sich offenbar an den Universitäten fort (FHs nehme ich an dieser Stelle ausdrücklich davon aus), wo es zu viele Fächer gibt, in denen das Leistungsprinzip in der Prioritätenliste deutlich nach „Was-weiß-ich-alles-korrekt“, sozial gerecht und Wohlfühlen kommt. Wenn diese jungen Menschen auf den Arbeitsmarkt kommen, suchen sie eine Beschäftigung, etwas anderes wird schwierig.

Es muss niemanden wundern, dass Schutzgebiete nicht mehr nur für die violettschuppige Nashorneidechse gefordert werden, sondern auch für jede selbsternannte Randgruppe, die sich dem Wettbewerb nicht gewachsen fühlt.

Andererseits ist Wettbewerb um die Spitzenpositionen in der Weltwirtschaft für Deutschland wichtig (überlebensnotwendig übrigens auch) und dafür sind Fachkräfte unabdingbar. Salopp gesagt: na dann macht mal!

Eine sozial gerechte, „inklusive“ Fußball-Liga heute sähe dann in etwa so aus:

  • Alle bisherigen Vereine und Ligen werden aufgelöst und
  • es werden neue Gemischtschaften (Mannschaft ist bestimmt sexistisch) nach Quoten ausgelost – die Teilnahme ist freiwillig, aber die Quoten müssen besetzt werden,  also:
  • Männer und Frauen und „ich weiß gerade nicht so genau“ bzw. alles dazwischen
  • „die, die schon länger hier leben“, Eingebürgerte, Ausländer, ggf. Asylbewerber
  • Menschen mit Behinderung und Alte
  • Schwangere
  • Netto-Steuerzahler und die, die von den Steuern leben – nein, das war ein Scherz
  • irgendjemand habe ich bestimmt vergessen – bitte als Kommentar hinterlassen.

Diese neuen „inklusiven“ Vereine werden ebenfalls per Los in neuen Ligen zu einem „Wettbewerb mit menschlichem Gesicht“ zum Spielen geschickt.

Inwieweit Regionalität, Bundesland oder gar Deutschland als Begrenzungen für die Vereine weiter zugelassen werden, überlasse ich mal den Selbsternannten Neo-ParteisekretärInnen.

Frage: wer sieht sich die Spiele an und darüber hinaus bin ich dann gespannt, welcher Fernsehsender dann die Spielrechte und für welchen Preis kaufen möchte.

Angenehmer Nebeneffekt: da natürlich alle das gleiche Geld bekommen, sind Aufreger wegen der hohen Fussballergehälter überflüssig.

Wir benötigen Wettbewerb für Höchstleistungen und hervorragende Produkte, es will nur keiner mehr diese Höchstleistungen erbringen. Das ist auch in gewissem Masse verständlich, denn in einer globalisierten Welt bedeutet das permanente Weltmeisterschaften.

Was wäre, wenn Gott existiert?

…fragte der Bischof.

Auf dem Weg in den Urlaub machen wir im tiefen Süden Deutschlands Zwischenstopp in einem Hotel, das zu einer katholischen Wallfahrtskirche gehört. Morgens werde ich unfreiwillig Ohrenzeuge des Gesprächs einer älteren Dame mit der Rezeptionistin. Beide sind jenseits der 60 und tief-gläubige Christinnen. Eine der beiden erzählt von ihrem Bischof, der seine Predigt mit der Frage einleitet: Was wäre, wenn Gott existiert?
Für einen echten Gläubigen ist das nun gerade nicht die Frage. Die andere Dame reagiert dann auch entsprechend entsetzt und konstatiert am Ende nüchtern: auch in der Kirche besetzen nicht die Besten, sondern Karrieristen die Machtpositionen. Gläubig muss man als Bischof nicht mehr sein, ein komfortables Leben mit einem gesicherten Beschäftigungsplatz ist wichtiger – und zieht die entsprechenden Menschen an.

Polit-Soziotop – Hofblase

Nicht, was passiert ist entscheidend, entscheidend ist, was berichtet wird,

erklärt mir ein alter Freund, der schon seit vielen Jahren in der Politikbranche arbeitet. Daraus konsequent folgend, werden die politischen Konkurrenten analysiert, indem die Berichte über sie in den Medien ausgewertet werden.

Umgekehrt entwerfen die politischen Akteure ihr Tun und Lassen auf die mediale Reaktion, das Medienecho, hin. Es entsteht ein geschlossener Kreislauf, der mit dem realen Leben wenig bis nichts zu tun haben muss – eine postmoderne Laberblase oder neudeutsch: Echokammer. Ich nenne Sie immer, weil sich die selbsternannte Politikerkaste so wunderbar komplementär auf die Qualitätsmedien bezieht und umgekehrt und sich gerade in Berlin daraus ein eigenes Polit-Soziotop gebildet hat, die Hofblase.

Besonders deutlich wird einem das Phänomen, wenn man wenig oder gar keine Medien konsumiert. Die politischen Diskussionen, die andere Menschen um einen herum führen, kommen einem schnell seltsam, einseitig und aufgesetzt vor. Ohne Medienkonsum werden andere Themen wichtig, die dort aber selten oder gar nicht angeschnitten werden.

Journalisten, besonders aber große und entsprechend einflussreiche Redaktionen können also durchaus eine politische Diskussion steuern. Dabei können sie für oder gegen die regierende politische Strömung arbeiten, Probleme in die mediale Wirklichkeit holen oder durch Nichtbeachtung in die zumindest mediale Nichtexistenz fallen lassen.

Wir können gespannt sein, ob die Wirklichkeit sich dadurch dauerhaft beeindrucken lässt oder ob die Postmodernen vielleicht doch gar nicht falsch liegen, die die Welt als mehr oder weniger sprachliche Konstruktion verstehen (wollen).

Man soll nicht alles glauben, was im Internet steht

wusste schon Leonardo da Vinci.
Voltaire wird das Zitat zugeschrieben:

„Wenn du wissen willst, wer dich beherrscht, mußt du nur herausfinden, wen du nicht kritisieren darfst.“ 

Das ist sicher ein kluger Gedanke, dem man sich schlecht verschließen kann. Allerdings ist er nicht von Voltaire, sondern von… Link.

Gretchenfragen:

  • Ist es entscheidend, wer die Wahrheit sagt?
  • Darf mein weltanschaulicher bzw. politischer Gegner auch klug sein und gute Argumente haben?
  • Dürfen „ungebildete“ Menschen tiefe Einsichten haben? Indianer und andere „edle Wilde“ natürlich immer, aber auch Frieda Meier aus Kuhkaffdorf?
  • Wer entscheidet heute, ob die Aussage „Aber der Kaiser ist ja nackt!“ In den Nachrichten gesendet wird oder nicht?

Globus

Im Sommer war ich mit dem Fahrrad unterwegs und kam auf einem Einzelgehöft im (N)irgendwo mit einem älteren Bauern ins Gespräch. Es ging um den normal gewordenen täglichen Wahnsinn und um Umweltschutz in Deutschland.  Er hatte einen guten Rat:

Wenn ich aus dem Kopfschütteln nicht mehr herauskomme, nehme ich mir meinen Globus, lege einen Finger auf Deutschland und betrachte dann den großen „Rest der Welt.

Guter Tipp! „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ findet ja täglich neue Ausdrucksformen und da ist es sinnvoll, sich Relationen klar zu machen.

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